Die Vorteile des Brexit

Die Vorteile von Brexit

Wenn ein Ereignis das eigene Leben so beeinflusst, wie kürzlich das Brexit Referendum, ist für mich der erste Schritt, zu versuchen, das Ereignis zu verstehen.

Warum haben die Engländer (denn es waren in erster Linie die Engländer, die Schotten und Iren haben anders gewählt) für den Brexit gestimmt?
Es gab in den Wochen und Monaten nach dem Referendum hier unendlich viele Zeitungsartikel, Fernsehreportagen, Diskussionen und Analysen zu dem Thema
Einig sind sich alle, dass eine Menge Halbwahrheiten, falsche Versprechungen und sogar ganz klare Lügen einen Einfluss hatten (übrigens wurde auf beiden Seiten gelogen, Statistiken geschönt oder gar gefälscht und Ängste und Versprechungen übertrieben)
Aber wenn das der Einzige Grund wäre, dann müssten die Umfragen (wenn Sie heute nochmal abstimmen müssten, was würden Sie wählen?) doch sehr deutlich gegen den Brexit ausfallen.
Tun sie aber nicht (Stand Sept. ’17). Die jüngsten Umfragen liegen bei 52% für Remain (und werden von der Remain Presse gefeiert, als wäre das ein Sieg)
Aber das ist in etwa das Ergebnis der Umfragen vor dem Referendum.
Wenn es also doch nicht um Geld für das NHS (das englische Gesundheitssystem) oder Immigration oder “taking back control” der Gesetzgebung geht?
Was ist dann wirklich der Grund?

Jeder Versuch, das Ergebnis auf einen einzelnen Auslöser herunterzubrechen kann natürlich nur scheitern.
Aber ich habe das Gefühl, dass oft ein wichtiger Hintergrund übersehen wird.
Soziale Ungerechtigkeit.

Als ich vor ein paar Tagen mit tausenden Brexit Gegnern durch die Straßen Londons zog, kamen wir auch an einem Wetherspoons Pub vorbei. (Wetherspoons in eine Pub Kette, die bekannt dafür ist, dass die Pints verhältnismäßig günstig sind, die Atmosphäre überall im Land relativ ähnlich und dass der Besitzer lautstark für den Brexit- unter anderem mit Bierdeckeln – geworben hatte.)
Draußen standen etwa 5 Männer und eine Frau, drapiert mit Englischen und Britischen Flaggen und vermutlich schon jenseits des 3. Biers.
Sie hatten sichtlich Spaß daran, uns mit unseren EU Fahnen vorbei kommen zu sehen, stimmten Anti EU Gesänge an, und versuchten einzelne Protester zu provozieren (ich vermute, um einen Kampf jenseits der Worte zu bekommen)

Und ich fragte mich: Warum sollten diese Leute für die EU sein? Was waren denn immer unsere Argumente gewesen: Wir können überall im Ausland arbeiten, wir können im Ausland studieren, wir können unkompliziert reisen und andere Menschen und Kulturen kennenlernen, wir haben durch die EU den Frieden gesichert, wir haben wirtschaftlichen Aufschwung.
Nun, ganz ehrlich, davon haben diese Menschen vermutlich erstaunlich wenig. Ich kenne offensichtlich keinen dieser Menschen, die da vor dem Pub standen, aber ich vermute, dass sie nicht im Ausland studiert haben, keine Fremdsprache sprechen, andere Kulturen eher aus dem Fernsehen kennen, der wirtschaftliche Aufschwung ist bei großen Teilen der Bevölkerung nicht angekommen, oder wurde zumindest sicher nicht der EU zu Gute geschrieben (über Jahre propagierte die rechte Presse alles Schlechte käme von der EU, alles Gute von der Regierung, zumindest so lange sie Tory war) und Frieden? Nun Frieden wird irgendwann ein abstraktes Wort, wenn man den Krieg nicht kennt (aber das ist ein anderes Thema)
Die Vorteile der EU sind aus der Sicht dieser Menschen (und das lese ich so auch immer wieder in den entsprechenden Brexit Foren) ein Spielzeug der Elite, die sich damit noch reicher macht.
Mit der Brexit Abstimmung hatte “der kleine Mann” endlich die Möglichkeit, “denen da oben” ihr Spielzeug wegzunehmen.
Und wissen Sie was, das kann ich verstehen!
Und ich versteh auch, dass sich somit auch daran nichts ändert, wenn die Statistiken und Wirtschaftsdaten zeigen, dass Brexit schlecht für das Land ist.
Viele dieser Menschen haben eh große wirtschaftliche Sorgen. Im Finanzwesen wird nach wie vor viel Geld verdient, aber Krankenschwestern, Lehrer, öffentlicher Dienst und Kleinbetriebe haben es wirklich nicht leicht. Es gibt seit Jahren eine Gehaltsbremse, die Sparpolitik hat viele Menschen, an ihr Existenzminimum gebracht. Und in der Regel sind das genau die, die auch politisch keine Lobby haben, um etwas dagegen zu tun.

Und genau an diesem Punkt stehe ich mit den Brexiteers.
Wenn wir es nicht schaffen, dass die Vorteile der EU auch bei diesen Menschen ankommen, dann hat die EU nur sehr bedingt einen Wert für ein Land (und das sage ich im vollen Bewusstsein, dass die EU für mich ein Segen war)

Ich werde auch weiterhin für die EU kämpfen. Aber ich werde mich nicht daran beteiligen zu behaupten, dass alle Brexiteers Rassisten sind. Ich glaube, wir haben nur noch nicht erkannt, dass wir eigentlich auf der gleichen Seite stehen.