Brexit und Deutschland

Als ich neulich mit einem britischen Redakteur der ARD (Deutsches Fernsehen) sprach, sagte er etwas, dass mich aufhorchen lies: Die Deutschen haben den Brexit hier in England von allen Nationen am schwersten genommen. Ich wollte erst protestieren. Ich habe auch mit Freunden und Kollegen vieler andere Nationen ähnliche Gespräche über Brexit. Und auch the3million, die Gruppe an Expats, bei der ich mitarbeite, besteht aus einer großen Bandbreite von Nationalitäten. Aber wenn ich genau hingucke: Ja, da sind eine Menge Deutsche bei. Aber trifft es uns Deutsche wirklich am härtesten? Und wenn ja, warum? Dass die Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts einen großen Einfluss auf das Nationale Selbstbild der Deutschen hat, ist offensichtlich und an anderer Stelle genügend dargelegt. Wir Deutschen lieben unser Land (ich wage das hier mal so pauschal zu behaupten), aber wir haben in den letzten 50 Jahren eine rege Diskussion und Aufarbeitung gehabt über die fatale Deutsche Rolle im zweiten Weltkrieg. Vielleicht an einigen Orten mehr als an anderen. Aber die Diskussion ist ganz sicher an niemandem vorbei gegangen. Wenn ich mit meinen Deutschen Freunden hier in London spreche, höre ich immer wieder, dass Europa den Deutschen eine neue Identität gegeben hat. Auf Europa darf man stolz sein ohne schlechtes Gewissen, in Europa kann man sich engagieren, ohne dass es als nationalistisch ausgelegt wird. Kein Wunder also, dass die Absage an Europa von Seiten der Engländer von einigen (oder vielen?) der Deutschen hier als persönlicher Affront verstanden wird. Und damit auch kein Wunder, dass National konservative Parteien, wie die AfD oder UKIP anti Europäisch sind. Der ARD Redakteur, mit dem ich sprach meinte auch, dass Parteien wie UKIP das natürlich ganz genau wissen und auch nutzen. Sie beschreiben Europa als ein deutsches Projekt, in dem Deutschland die Vorherrschaft hat, das nur den Deutschen nützt. Und da sie ein kleines bisschen recht haben, stoßen sie nicht nur bei den Extremen auf offene Ohren. Die right-wing Presse hier behauptet immer wieder, dass Merkel das einzige Problem in den Verhandlungen sei. Dass die deutsche Autoindustrie die Brexit Rettung sein müsse, indem sie Druck auf Merkel ausübt, und gelegentlich sogar, dass Brexit der Ausweg sei, damit die Deutschen nicht 70 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg doch noch siegen (ja wirklich, solche Sachen kann man hier gelegentlich lesen. Nicht nur im Internet, durchaus auch in der Printpresse. Da wird dann schon mal die Rememberance Day Mohnblume als Zeichen gegen Deutschland getragen -natürlich nur im Sinne von Fußball – so stand es gestern in der Daily Mail) Aber was bedeutet das dann für uns Deutsche in UK und für mich ganz persönlich? Sollte ich mich lieber zurückhalten und hoffen, dass andere Nationen sich äußern? Ja, ich fühle mich in erster Linie als Europäerin, erst dann als Deutsche oder Britin. Und Europa, nicht als Wirtschaftsprojekt, sondern als Projekt, nach 2 verheerenden Weltkriegen zusammen zu kommen und gemeinsam eine neue Welt in Demokratie und mit Werten wie Gleichheit, Fairness und Mitgefühl aufzubauen, ist mir eine Herzensangelegenheit. Ich werde mich nicht zurückhalten. Ich werde nicht peinlich berührt schweigen. Denn das würde den Faschisten des letzen Jahrhunderts und denen, die mit ihnen heute sympathisieren Raum geben. Und genau dagegen will ich stehen. Heute. Nicht mit Waffen sondern mit Worten und nicht gegen die Engländer sondern mit ihnen.